Es der Klang, der betörend oder verstörend die Ohren und Sinne durchzog. Denn hier, in dem Konzert im Festsaal von Schloss Thammenhain erlebten die Zuhörer mit Prof. Ulrich von Wrochem, einst Solobratscher der Mailänder Scala unter Carlo Abbado und Ricardo Muti einen weit gereisten Solisten als Könner der Extraklasse. Das von ihm mit Sorgfalt ausgewählte Programm war wie geschaffen für den in Eiche getäfelten Saal mit der Ahnengalerie. Zwei Suiten von Johann Sebastian Bach umrahmten sein Soloprogramm, die 1. Suite in G - Dur zu Beginn und die 5. Suite in C – Moll zum Ende.

Der Tanz ist ihr oberstes Kompositionsprinzip. Da passte es gut, dass sich eine Gruppe aus Bayern angesagt hatte, die eine ganze Woche in diesem Saal tanzen wollten. Das Publikum war sowohl von den Werken als auch vom Spiel Prof. von Wrochem restlos begeistert war. Dieser schaffte den Spagat, die teils langsamen (Sarabande, Allemande), teils schnellen Elemente (Courante, Gigue), in einer gleichwertigen Synthese von analytischer und emotionaler Spannung erfahrbar zu machen. Das Notenbild der Handschrift von Bachs Frau Anna Magdalena (das Autograph ist verschollen) macht mit seiner räumlich- graphischer Ordnung die Sequenzen quasi sichtbar, durch das Spiel werden sie für die Zuhörer einprägsam und trotz der historischen Spielweise ohne Vibrato immer lebendig. Eine Brücke in die Spätromantik stellte die folgende Suite von Max Reger dar, die in seinem letzten Lebensjahr 1916 entstand, also in Sachsen. Von großer Expressivität erfüllt, entfernen sich die 4 Sätze vom Vorbild Bachs und entwickeln in ihrer prägnanten Symmetrie eine Intensität, die Abschied nimmt von der Tonalität und der rhythmischen Ordnung der vergangenen Jahrhunderte.

Nach diesen beiden Suiten spielte  der Bratscher auf seiner alemannischen, mit 4 Szenen bemalten Viola von 1700 mehrere italienische virtuose Capricen, Opernarien, Hirtenlieder, zunächst von Antonio Rolla, zuletzt Konzertmeister in Dresden, von dessen Vater Alessandro Rolla, dem Lehrer Paganinis und Musikdirektor an der Mailänder Scala, von Bartolomeo Campagnoli, im Dienste deutscher Bischöfe und Herzöge, aber auch als Konzertmeister des Gewandhausorchesters lange in Leipzig tätig, sowie von dem belgischen Geigervirtuosen Henri Vieuxtemps, alles Originalwerke für die Viola. Hier lernte man ein abwechslungsreiches Repertoire kennen, das dieses meist im Verborgenen blühende Instrument in seinen vielen Facetten als besonders geeignetes Soloinstrument zeigte. Das Publikum war hingerissen.

Als Höhepunkt hörten wir das reifste Werk des Abends, die 5. Suite in Scordatura (Quartstimmung), die Wrochem wie alle anderen Werke in einmaliger Klarheit und Emotionalität vortrug, natürlich wie die Franzosen sagen: par coeur, also aus dem Herzen, und nach langem Dankesbeifall das Präludium der 2.Suite hinzufügte.

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